„Deutsch braucht 20 Prozent mehr Platz im Design als Englisch”

Ulrike Brauns ist Literatur- und Filmübersetzerin und bildet sich aktuell im UX-Writing weiter. Sie erzählt, was wir im UX-Writing von der Sprachbranche lernen können. Lecker, lecker!

„Ich sehe auf einen Blick, dass ein Satz nach der Übersetzung länger sein wird.

Fürs UXWriting bedeutet das: Mehr Platz im Design einrechnen.”

Ulrike Brauns, Übersetzerin

Bildquelle: Smilla Dankert

Uli, stell dich doch kurz vor. Was machst du beruflich?

Ich übersetze Belletristik, Kinderbücher und teilweise auch Sachbücher ins Deutsche. Angefangen habe ich mit Untertitelungen für Kinofilme und DVDs. 

Meine Wurzeln liegen in der Sprachwissenschaft: Ich habe Germanistik studiert.

Was fasziniert dich an deiner Übersetzungsarbeit?

Jedes Buch, jede Autorin, jeder Autor, jede Figur hat einen eigenen Rhythmus und eine eigene Stimme. Diese gilt es zu erfassen und in die Zielsprache zu überführen.

Dabei gilt: Je literarischer ein Text, desto wichtiger die sprachlichen Nuancen. Dann überlege ich mir sehr genau: Warum steht hier genau dieses Wort? Welche Wirkung hat dieser Satz? Wie nah muss ich am Original bleiben?

Bei Untertiteln ist die Herausforderung noch einmal anders. Dort ist der Platz stark begrenzt. Man muss Inhalt, Tonfall und Lesbarkeit auf wenige Zeichen verdichten.

„Man muss Inhalt, Tonfall und Lesbarkeit auf wenige Zeichen verdichten.“

Du ziehst häufig Parallelen zwischen Untertitelung und UX-Writing. Warum?

Weil die beiden mehr gemeinsam haben, als man auf den ersten Blick erkennt.

Gute Untertitel bemerkt man nicht. Man hat das Gefühl, einfach nur den Film zu schauen. Das Lesen läuft ganz nebenbei ab.

Und genau das gilt auch für gutes UX-Writing.

„Gute Untertitel bemerkt man nicht. Gutes UX-Writing auch nicht. Schlechtes dafür umso mehr.“

Es kommt niemand in eine App oder auf eine Website, um Texte zu lesen. Menschen wollen etwas erledigen. Gute UX-Texte helfen dabei so unauffällig wie möglich.

Sind die Texte aber schlecht, entstehen sofort Missverständnisse und Hürden, bei Untertiteln genauso wie bei digitalen Produkten und Services.

Die Sprachbranche befindet sich aktuell im Wandel. Wie erlebst du das?

Viele Sprachprofis fragen sich aktuell, wie ihre berufliche Zukunft aussieht.

KI verändert die Übersetzungsbranche enorm: Gewisse Übersetzungen werden automatisiert oder der Mensch wird nur noch als Prüfinstanz hinzugezogen. Der Anspruch an die Qualität von Sprache verändert sich. Aufträge werden kurzfristiger, während Honorar stagnieren.

Gleichzeitig entstehen neue Aufgabenfelder an der Schnittstelle von Sprache, Technologie und Nutzererlebnis.

Ist das der Grund, weshalb du dich mit UX-Writing beschäftigst?

Ja. Und lustigerweise hat mich gerade KI darauf gebracht!

Ich habe den KI-Assistenten Claude gefragt, welche Berufe aufgrund meines Hintergrunds zu mir passen könnten und gleichzeitig gute Zukunftsperspektiven bieten.

UX-Writing tauchte immer wieder auf.

Also habe ich angefangen zu recherchieren, Bücher zu lesen und mich intensiver mit dem Thema auseinanderzusetzen.

Je mehr ich darüber erfahren habe, desto mehr dachte ich: Das passt erstaunlich gut zu dem, was ich ohnehin gerne mache.

Was hat dich besonders angesprochen?

Dass ich meine Sprachexpertise praktisch wie ein neues Werkzeug in einem anderen Kontext einsetzen kann.

 

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Was können wir im UX-Writing von der Sprachbranche lernen? 

Präzise sein und auf den Punkt kommen.

Ein glasklares Verständnis, welcher Begriff in welchem Kontext besser ist.

Und das Verständnis, dass wir mit Sprache Charakter transportieren, ob geplant oder nicht.

Kannst du das etwas ausführen? Oder anders gefragt: Welche Fähigkeiten aus deiner bisherigen Arbeit helfen auch im UX-Writing?

Von der Untertitelung bringe ich die Fähigkeit mit, mich kurz zu fassen.

Denn: Anders als viele denken, geben Untertitel nicht genau das wieder, was gesprochen wird. Wir haben eine beschränkte Zeichenanzahl, an die wir uns halten müssen. Ist der Text zu lang, kommt das Filmpublikum beim Lesen nicht mit. Außerdem muss der Text auf die Breite der Kinoleinwand oder des TV-Screens passen. 

„Sind die Untertitel zu lang, kommt das Filmpublikum beim Lesen nicht mit.”

Dasselbe gilt für UX-Writing: Digitale Interfaces, insbesondere im Mobile-Kontext, bieten wenig Platz für Text. Außerdem kommen Nutzende schneller zum Ziel, je prägnanter ich formuliere.

Weiter entwickelt man ein sehr gutes Sprachgefühl.

Ein Beispiel: Nicht jedes Wort wird gleich schnell erfasst und verstanden: Während „Aquarium“ oft einen Moment länger braucht, verstehen wir „Temperatur“ auf einen Blick, trotz ähnlicher Wortlänge. Manche Wörter erkennen wir sofort am Wortbild, andere müssen wir tatsächlich lesen.

„Manche Wörter erkennen wir sofort am Wortbild, andere müssen wir tatsächlich lesen.”

So etwas ist Untertitler*innen bewusst, die immer auch die Lesegeschwindigkeit des Publikums im Hinterkopf haben.

Beim UX-Writing geht es darum, dass Menschen schnell und reibungslos ihr Ziel erreichen. Ich ersetze komplexe Worte also so häufig wie möglich mit solchen, die wir schnell erfassen und verstehen.

„Ich ersetze komplexe Worte also so häufig wie möglich mit solchen, die wir schnell erfassen und verstehen.“

Und natürlich spielt auch Brand Voice eine Rolle.

Jede Autorin und jeder Autor hat eine eigene Stimme. Deshalb fühlt sich das Arbeiten mit Brand Voice absolut vertraut an für mich. Beim UX-Writing arbeiten wir einfach mit der Stimme der Marke oder des Produktes statt mit der des Erzählers. Das Ziel ist aber dasselbe: Wir transportiere Charakter mit Worten. Das sorgt für ein einheitliches, authentisches Erlebnis.

„Wir transportieren Charakter mit Worten. Das sorgt für ein einheitliches, authentisches Erlebnis.”

Und die Übersetzungsarbeit an sich – viele digitale Produkte sind mehrsprachig.

Stimmt. Das ist so natürlich für mich, dass ich es gar nicht erwähnt habe.

Als Übersetzerin denke ich mehrsprachig. Ich sehe beispielsweise auf einen Blick, dass ein Satz in gewissen Zielsprachen länger sein wird als in der Quellsprache. Deutsch ist beispielsweise 10-20% länger als Englisch. Bei Französisch oder Russisch ist es deutlich mehr. Fürs UX-Writing bedeutet das: Mehr Platz im Design einrechnen, als auf den ersten Blick notwendig erscheint.

„Ich sehe auf einen Blick, dass ein Satz nach der Übersetzung länger sein wird. Fürs UX-Writing bedeutet das: Mehr Platz im Design einrechnen, als auf den ersten Blick notwendig erscheint.”

Ich weiss auch, dass gewisse Wörter oder Aussagen nicht wortwörtlich übersetzt werden können. In einem anderen sprachkulturellen Kontext ist eine direkte Übersetzung beispielsweise zu formell, zu informell oder schlichtwegs falsch.

„In einem anderen sprachkulturellen Kontext ist eine direkte Übersetzung zu formell, zu informell oder schlichtwegs falsch.”

Was lernst du in der UX-Writing Masterclass neu?

Vor allem Methodologien und Strategien. 

Vieles, was im UX-Writing gelehrt wird, habe ich intuitiv und in einem anderen Kontext schon gemacht.

Der Unterschied ist: Jetzt habe ich Begriffe, Methoden und einen neuen Anwendungskontext dafür. Das ist eine enorme Chance.

Am Anfang haben mich Begriffe wie Customer Journey etwas abgeschreckt. Das klang alles sehr technisch. Jetzt ist es verständlich und natürlich für mich.

„Jetzt habe ich Begriffe, Methoden und einen neuen Anwendungskontext für meine Sprachexpertise. Das ist eine enorme Chance.”

 

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Wo möchtest du dich noch weiterentwickeln?

Besonders gespannt bin ich auf das Modul zum Thema User Testing. Das ist etwas, das in meiner bisherigen Arbeit kaum vorkam und das ich extrem spannend finde.

Auch zum Thema UI-Design möchte ich mehr wissen.

Dein Hund Eddie hat unser Gespräch mit seiner Anwesenheit beehrt. Erkläre uns doch kurz, warum er wichtig für deine Arbeit ist?

Ganz allgemein bringt er Struktur in meinen Tagesablauf und mich regelmäßig vor die Tür, ein wichtiger Nebeneffekt für die seelische Gesundheit als Schreibtischtäterin.

Es ist aber mehr als das: Eddie ist blind. Und seine Blindheit hat mich für das Thema Inklusion sensibilisiert, das  im UX-Writing genauso wichtig ist  wie in der Übersetzung.

Barrierefreiheit und diskriminierungsfreie Sprache spielen aber grundsätzlich eine wichtige Rolle in meinem Leben, vielleicht auch weil ich als queere Autistin weiß, wie bedeutend es ist, niemanden auszugrenzen.

„Als queere Autistin weiß ich, wie bedeutend es ist, niemanden auszugrenzen.”

Zum Schluss: Wenn du UX-Writing in einem Satz beschreiben müsstest, was würdest du sagen?

Gutes UX-Writing ist wie gute Untertitel: Es hilft Menschen ans Ziel, ohne sich selbst in den Vordergrund zu drängen.

 

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