„Was wir in der Schule gelernt haben, funktioniert digital nicht"

Laura Sprenger ist Text- und Contentmanagerin bei Riese & Müller und hat gerade die UX-Writing Masterclass abgeschlossen. Im Interview erzählt sie, warum UX-Writing weit über klassische UX-Rollen hinaus relevant ist – und warum wir aufhören müssen, zu schreiben, wie wir es in der Schule gelernt haben.

Bonus: Vorher-nachher-Beispiel der Fahrrad-Garantie-Seite — angepasst durch Laura mit Blick auf wichtige UX-Writing-Kriterien. Du findest es ganz unten.

„Gutes UX-Writing ist für uns ein Wachstumshebel: Es sorgt dafür, dass Menschen unsere Produkte nicht nur verstehen, sondern ihnen vertrauen.”

Laura Sprenger, Text- und Contentmanagerin bei Riese & Müller

Laura, wer bist du und was genau machst du?

„Ich bin Text- und Contentmanagerin bei Riese & Müller, einem Fahrradhersteller mit rund 750 Mitarbeitenden. Ich arbeite im Team Digital Strategy und bin für unseren Website-Content verantwortlich.“

Und du hast dir intern eine besondere Rolle aufgebaut, oder?

„Ja. Viele schreiben bei uns Texte, aber niemand außer mir hat einen professionellen Text-Hintergrund. Also habe ich irgendwann einfach angefangen, Feedback zu geben. Auch ungefragt.

Inzwischen schicken mir viele Kolleg*innen ihre Inhalte von selbst.“

Wann kam UX-Writing ins Spiel?

„Aus Eigeninteresse. Ich bin über das Buch UX-Writing & Microcopy gestolpert und plötzlich war da dieser Begriff: UX-Writing.“

Was hat dich daran gereizt?

„Dass es eine eigene Disziplin ist. Ich habe vieles intuitiv schon gemacht durch meinen Hintergrund in Literaturwissenschaft und Medienentwicklung. Aber ich hatte kein theoretisches Fundament. UX-Writing hat mir genau das gegeben: eine Sprache, um zu begründen, warum ich schreibe, wie ich schreibe.“

Was unterscheidet für dich UX-Writing vom „klassischen“ Schreiben?

„Präzision. Und Klarheit. Viele schreiben noch so, wie sie es in der Schule oder Uni gelernt haben. Das funktioniert digital nicht.

„Viele schreiben noch so, wie sie es in der Schule oder Uni gelernt haben. Das funktioniert digital nicht.“

Warum nicht?

„Weil man im digitalen Raum anders liest. Und weil Kürzen fast immer verbessert. Man muss sich entscheiden: Was ist wirklich die Kernaussage? Was kann weg?“

Du hast im Gespräch von einem Aha-Moment gesprochen …

„Ja! Dass schon ein einziges Wort Verhalten beeinflussen kann.“

 

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Zum Beispiel?

„Aus Marketing-Sicht steht am liebsten überall ‚Jetzt buchen‘ oder ‚Jetzt kaufen‘ – weil das ist ja das Ziel, das wir als Unternehmen im Hinterkopf haben. Aber als Nutzerin klicke ich viel eher auf ‚Mehr Infos zum Produkt‘, wenn ich noch gar nicht buchen oder kaufen will. Dieses Thema Verbindlichkeit – erst dann verbindliche Worte wie buchen oder kaufen verwenden, wenn mein Gegenüber auch bereit dafür ist –, das hat bei mir echt Klick gemacht.“

„Schon ein einziges Wort kann Verhalten beeinflussen.”

Konntest du das konkret anwenden?

„Ja, bei unserer Service-Seite zum Bike-Schutz und zur Versicherung. Das ist kein selbsterklärendes Produkt wie ‚Hier ist ein Fahrrad‘. Da braucht es viel mehr Orientierung.“

Was hast du anders gemacht?

„Wir hatten zuerst ein Konzept, das wir intern getestet haben, allerdings mit Kolleg:innen. Und die kennen das Produkt natürlich schon. Für die war das Konzept total schlüssig und klar. Wir haben es dann aber noch jemandem extern gezeigt. Und die Person hat nichts verstanden.“

„Wir haben das Konzept jemandem extern gezeigt. Und die Person hat nichts verstanden.“

Und dann?

„Habe ich die Seite komplett neu gedacht. Aus der Perspektive von jemandem, der zum ersten Mal auf unsere Seite kommt und gar nicht weiß, dass es diese Services gibt.“

Das klingt nach einem echten Perspektivenwechsel.

„Genau das war es auch. Und das ist für mich der größte Effekt von UX-Writing.“

Was meinst du damit?

„Früher war ich stärker in der Innensicht. Heute frage ich konsequent: Wo befindet sich die Person in der Customer Journey? Was weiß sie? Was weiß sie nicht? Das verändert alles.“

Testing war auch ein Thema bei euch.

„Ja und ich hatte da lange eine Hemmschwelle.“

Warum?

„Ich dachte immer: Testing ist aufwendig. Man braucht große Setups, repräsentative Gruppen, Statistik.“

Und jetzt?

„Jetzt weiß ich: Zwei oder drei ehrliche Meinungen reichen oft schon, um die größten Stolpersteine aufzudecken. Wenn jemand sagt: ‚Ich kapiere hier gar nichts‘, dann ist das ein klares Signal.“

„Zwei oder drei ehrliche Meinungen reichen oft schon, um die größten Stolpersteine aufzudecken.“

Hat UX-Writing auch deine Rolle im Team verändert?

„Ja. Vor allem beim Argumentieren.“

Inwiefern?

„Wenn unser UX Designer zum Beispiel sagt: Buttons dürfen nicht zweizeilig sein, dann kann ich heute fundierter erklären, warum der Text vielleicht trotzdem den Platz braucht. Ich fühle mich sicherer. Nicht nur intuitiv, sondern fachlich.“

Wenn du UX-Writing in einem Satz beschreiben müsstest?

 „UX-Writing hilft mir, Texte im digitalen Raum so zu formulieren, dass sie gut funktionieren.“

Und für euer Unternehmen?

„Gutes UX-Writing ist für uns ein Wachstumshebel: Es sorgt dafür, dass Menschen unsere Produkte nicht nur verstehen, sondern ihnen vertrauen.”

 

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Welche Rolle spielte dabei die UX-Writing Masterclass?

„Ich krieg den Perspektivenwechsel viel besser hin – ich kann besser aus mir heraustreten und mich in die User versetzen. Ich kann Orientierung bieten, auch bei komplexen Produkten wie unserer Bike-Versicherungsseite.

Ausserdem hat sie mein Denken strukturiert. Vieles habe ich vorher schon gemacht, aber eher intuitiv. Die Masterclass hat mir Tools gegeben: Empathy Map, Journey Map, Testing-Methoden und mehr. Das hilft nicht nur dabei, konsistenter und strukturierter zu arbeiten, sondern auch beim Verargumentieren meiner Entscheidungen.“

Also weniger „Schreiben üben“, mehr Horizont erweitern?

„Genau. Ich dachte erst, es geht vor allem ums konkrete Formulieren. Aber es ging ebensosehr um das Drumherum: Barrierefreiheit, Brand Voice, Testing. Das war echt stark und hat meinen Blick enorm geweitet.“

Wem würdest du die Masterclass empfehlen?

„Eigentlich allen, die Texte für digitale Anwendungen schreiben.“

„Ich kann die Masterclass allen empfehlen, die UX-Writing für digitale Anwendungen schreiben.“

Also nicht nur UX-Writer*innen?

„Nein, überhaupt nicht. Ob App-Texte, Website, Social Media oder sogar Stellenanzeigen, man kann unglaublich viel übertragen. Es geht ja nicht nur um Interface-Texte, sondern um besseres, wirkungsvolleres Schreiben insgesamt.“

Du gibst dein Wissen jetzt intern weiter?

„Ja. Ich mache im April zwei Workshops mit dem Titel ‚Besser texten‘ – für Kommunikation, Customer Care, Sales, Recruiting und andere Teams. Für all diese Teams ist UX-Writing ein super Hebel, um in ihren jeweiligen Bereichen mehr Wirkung zu erzielen und kundenzentrierter zu arbeiten.”

Warum nennst du die interne Schulung nicht direkt "UX-Writing"?

„Weil ich es niedrigschwelliger halten will. Aber die Prinzipien – Klarheit, Struktur, Perspektivwechsel – fließen natürlich ein.“

„Für viele Teams — Customer Care, Sales, Recruiting — ist UX-Writing ein super Hebel, um kundenzentrierter zu arbeiten.”

Hast du andere weitere Schritte geplant?

Ja – Ziel ist es, eine eingängige Brand Voice zu entwickeln.

Dein persönliches Fazit zur UX-Writing Masterclass?

„Ich bin total glücklich, dass ich es gemacht habe.“

Warum?

„Weil ich heute schneller sehe, wo Unklarheit entsteht. Und weil ich weiß, wie ich sie auflösen kann.“

Laura, vielen Dank für das tolle Gespräch! 

 

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Vorher-nachher-Beispiel der Garantie-Seite von Riese & Müller, überarbeitet von Laura Sprenger

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